von Angelika Horn 2026 – eine wahre Geschichte aus Gräfensteinberg (Mittelfranken)

„Was macht sie da schon wieder?“, empörte sich die große braune Henne, als sie Charlotte beobachtete.
Keine der anderen Hennen konnte Charlotte leiden. Immerzu übte diese Charlotte das Brüten. Dabei wusste sie genau so gut wie alle anderen, dass es nicht gerne gesehen wurde. Außerdem war es doch auch sinnlos. Es gab keinen Hahn in der Gruppe! Also was sollte diese Brüterei? Wie immer schüttelten sie verständnislos ihre Köpfe und putzten ihre Federn.

Die große braune Henne hatte schon oft genug mit Charlotte gesprochen. Sie solle doch einfach mal an sich denken und nicht immer an ein Küken. Wüsste sie denn gar nicht, was die Aufzucht eines Kükens bedeutete? Diese Sitzerei auf dem Nest würde nur ihre Figur ruinieren. Und wäre es erst einmal geschlüpt, gäbe es keine ruhige Minute mehr.

Sie solle doch mal an sich denken, wiederholte sie.
Sie hätte doch nur dieses eine Leben! Die vielen Vergnügungen, die ihr schon jetzt entgingen, weil sie ständig auf den Eiern saß. Jeden Morgen wurden die doch sowieso weggenommen. Und ihr zickiges Benehmen könnte noch ganz andere Folgen haben. Nicht auszudenken!
Es könnte Charlotte den Kopf kosten!

Charlotte hatte genug von dem endlosen Gegacker. Sie hatte auch keine Lust mehr, sich diese Weisheiten anzuhören. Sie hatte einen Traum und sie würde ihn leben. Nur ihrer Tante Henne erzählte sie davon und die hatte vollstes Verständnis.
„Ach ja“, seufzte Tante Henne. „Wie gerne möchte ich Oma werden. Ich habe nun schon so lange gewartet und würde so gerne helfen ein Küken großzuziehen, aber ach…“ Sie seufzte. „Liebe Tante Henne“, gackerte Charlotte so leise und geheimnisvoll wie sie nur konnte.

„Wenn ich es schaffe, schicke ich dir eine Nachricht.“ „Sei bloß vorsichbg!“ Tante Henne machte sich Sorgen.

Charlotte hatte einen Plan! Sie wusste, wie nachlässig diese Eiabholer waren. Sie lockten die Hühner mit Körnern von den Nestern weg und stahlen die Eier. Aus diesen Eiern konnten keine Küken kommen. Man brauchte einen Hahn. Charlotte htte ihn oft frühmorgens gesehen, wie er verstohlen um die große eingezäunte Hühnerwiese stolziert war. Er war ein Angeber, aber er war ein Hahn.

Und sie wusste noch mehr: Die Eiabholer ließen das Tor im Zaun gerne offenstehen, während sie hereinkamen und die Nester leerten. Keiner von denen rechnete damit, dass sich ein Huhn aus dem Staub machen würde.
Die Gefahren für ein Huhn in der Freiheit waren schließlich bekannt.

Ständig gab es für die Hühner langweilige Fortbildungen dazu: hungrige Füchse, gefährliche Straßen, undurchdringliche Brombeerhecken, … es nahm kein Ende. Sicherheit! Sicherheit! Es ging immer nur um Sicherheit.
Natürlich wurde auch vor dem Hahn gewarnt. Er würde es nicht ernst meinen. War nur auf ein schnelles Abenteuer aus.

Charlotte war das alles egal. Der Hahn musste sie nicht verführen. Sie wollte nicht erobert werden, keine Liebesschwüre oder Versprechen hören. Sie wollte ein Küken.

Wie es anschließend weitergehen sollte, darüber dachte sie nicht nach. Wenn man alles schon vorher wusste, wo bliebe das Abenteuer?

Es war der Morgen nach einer Vollmondnacht, in der Charlotte aus dem Hühnerstall verschwand.
Das Rendezvous mit dem Angeber klappte ausgezeichnet. Natürlich bildete er sich viel ein! Als er seine Eroberung in die Welt hinaus krähte, war Charlotte schon weg.

Sie hatte sich auf den Anhänger eines Traktors gesetzt, der mit einer großen Fuhre Holz beladen war. Zuversichtlich blickte sie in die Morgensonne. Bisher war alles gut gegangen. Jetzt konnte sie sich in Ruhe nach einem gemütlichen Heim umsehen und sich auf ihr Küken freuen.
Der Traktor fuhr in ein Dorf, ein schönes Dorf. Es war sauber und voller Blumen. Sie hörte die Stimmen freundlicher Menschen.

Der Traktor hielt auf einem Hof. Eine Frau versorgte gerade Katzen und fütterte Vögel. Sie sprach mit den Tieren. Charlotte war begeistert.
‚Hier möchte ich bleiben‘, dachte sie.
Charlotte sprang vom Holzstoß und lief zu der Frau.

„Ja, wer bist du denn?“, fragte die Frau. „Johannes, wo kommt plötzlich diese Henne her?“ „Welche Henne?“
„Diese weiße Henne hier.“
Der Mann, der Johannes hieß, schaute zu ihr herüber. Er hatte kein Interesse. Er wollte sein Holz abladen.

„Keine Ahnung, Hannelore. Frag sie doch selber. Du kannst doch mit Tieren reden. Ich frage später mal rum, ob jemandem eine Henne weggelaufen ist.“

Charlotte gackerte vergnügt und pickte den Vögeln die Körner weg. Sie brauchte viel Kraft. In ihr wuchs gerade ein schönes Ei. Sie würde ein wundervolles Küken bekommen. Vielleicht eine Tochter? Vielleicht einen Sohn?

„Du hast wohl großen Hunger?“, sagte die Frau, die Hannelore hieß, und schüttete ihr noch eine ordentliche Handvoll hin. Dankbar gackerte Charlotte: „Gackgack Gack.“ Das hieß vielen Dank. Die Frau verstand sie sofort.
„Aber, aber, du brauchst dich doch nicht zu bedanken! Es ist genug Futter da. Für Johannes und mich sowieso. Sieh nur, wie dick wir sind. Da ist es viel besser, wenn wir dir was abgeben.“

Sie lachte. Charlotte begann beruhigt, ihre Federn zu putzen. Diese Reise war doch recht anstrengend gewesen und im Holz hatten bestimmt Flöhe gesessen. Sie brauchte ein Bad.

„Sag mal, brauchst du ein Bad? Komm halt mit, hier ist ein schöner Sandkasten mit sauberem Sand, da kannst du baden.“
Das wurde immer besser.

„Hannelore“, rief da dieser Johannes laut. „Mit wem redst denn die ganze Zeit?“
„Mit der weißen Henne.“
Johannes schüttelte den Kopf und brubbelte irgendetwas vor sich hin.
„Weißt, der Johannes tut immer so als interessierten ihn Tiere nicht, dabei hatte er früher selber welche.“

Charlotte hielt kurz beim Sandbaden inne und schaute Hannelore fragend an. „Gackers?“, fragte sie.
„Na, ka Gackers net – Pferde.“
Etwas unsicher schaute sich Charlotte um.

„Na, nimmer“, versicherte Hannelore.

Zwei kleine Kätzchen strichen neugierig um Charlotte herum. Sie suchten Freundschaft. Charlotte war hocherfreut. Sie liebte Katzen. Sie hielten einem die lästigen Mäuse von den Flügeln.
Gegen Abend erkundete Charlotte den ganzen Hof. Die Kätzchen zeigten ihr die Katzenklappe – den Eingang in eine große Scheune. Hier gab es jede Menge Holz, Stroh, Regale mit vertrockneten Äpfeln, ein paar alte Traktoren, ein verrostetes Fahrrad und einen alten Wohnwagenanhänger. Der war besonders interessant. Das Fenster stand offen und Charlotte flatterte hinein.

‚Wunderbar‘, dachte sie. ‚Die beste Kinderstube.‘

Hannelore hatte sich bereits so an Charlotte gewöhnt, dass sie morgens extra früher aufstand und sie fütterte. Eines Morgens sagte sie: „Du bist so eine schöne weiße Henne und niemand vermisst dich – also bleibst bei mir. Aber weißt schon, meine Hennen haben immer Namen. Du sollst Charlotte heißen, du schaust halt aus wie eine kleine Königin.“

Charlotte war begeistert. Diese Hannelore war so klug und so freundlich. Was für ein Glück! Eine Zeitlang wunderte sich Hannelore, weil Charlotte nur selten herauskam und nach dem Körnerpicken sofort wieder in der Scheune verschwand. Aber im Mai wunderte sie sich nicht mehr, sondern begrüßte voll Freude ein kleines Küken, welches mit seiner Mutter im Hof herumspazierte.

„Ja Charlotte, hast du ein kleines Dingele, so ein süßes Küken, herzlichen Glückwunsch. Das hast du aber gut gemacht.“
Dann dachte Hannelore laut nach. „Ja, wenn du nur ein Küken hast, dann nennen wir es Einerle.“

Einerle entwickelte sich prächtig und Charlotte schickte eine Taube mit einer Nachricht zu Tante Henne. Sie musste ihr Glück mit ihr teilen. Zwei Tage später war Tante Henne bei ihnen. Hannelore war begeistert. „Du musst Tante Henne sein. Ja, schau nur, was Charlotte für ein schönes Küken hat.“

Die Tage vergingen und aus Einerle wurde ein prächbger Hahn mit herrlich bunten Federn und einem sehr selbstbewussten Verhalten. Charlotte sah, dass sie nicht mehr gebraucht wurde und beschloss, jetzt an sich zu denken. Sie wollte mehr von der Welt sehen. Eines Morgens war Charlotte nicht mehr da.

Einerle übte bei Sonnenaufgang das Kikireki und Tante Henne bemühte sich, ihm klarzumachen, dass die Menschen noch schlafen wollten.
Hannelore lachte. „Ja, Einerle, jetzt können wir dich nicht mehr hierbehalten. Die Nachbarn schimpfen. Wir bringen euch beide zum Müßighof.“

Tante Henne freute sich. Sie wusste, dass Müßigsein gut für ihre alten Knochen sein würde und bestimmt gab es dort Hennen für Einerle, damit er endlich Verantwortung lernen konnte und nicht nur so sinnlos in der Welt herumkrähte.

Ja, und was soll ich euch sagen? Einerle und Tante Henne leben nun schon über ein Jahr auf dem Müßighof* und ihr könnt sie gerne besuchen. Einerle ist der schöne große Hahn mit den herrlich bunten Federn und Tante Henne? Die könnt ihr nicht so leicht erkennen, aber wenn ihr sie ruft, schaut sie euch gleich an und fängt an, euch die ganze Geschichte in ihrer Sprache zu erzählen.

Wollt ihr wissen, woher ich die Geschichte kenne? Von Hannelore natürlich. Sie hat mir alles erzählt.
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